Nur auf Durchreise
Reisen leben von der Verheissung, dem Abenteuer und den aufregenden Begegnungen und Begebenheiten, die sie versprechen. Die Protagonist*innen durchleben Veränderungen auf ihrem Weg. Sie kämpfen mit inneren Konflikten, welche sie anfänglich nicht lösen können. Die Begegnungen und Erfahrungen, welche sie während ihrer Reisen machen, helfen ihnen, sich diesen Konflikten zu stellen, und sie kehren als veränderte Menschen in ihr alltägliches Umfeld zurück.
Die Filme dieser Reihe konterkarieren diese Idee: Auch sie folgen reisenden Protagonist*innen… welche verloren sind. Und es bleiben.
Denn in der Offenheit der Welt und des Weges, den man geht, liegt nicht nur Verheissung. Da ist auch Furcht, das sonderbare Grauen davor, dass der zurückgelegte Weg umsonst ist, dass am Ziel niemand und nichts auf einen wartet, dass es gar kein Ziel gibt.
Es ist unklar, ob Luis (Sergi López) aus «Sirat» seine Tochter jemals wiederfinden wird. Travis (Harry Dean Stanton) aus «Paris, Texas» ist auch nach vier Jahren in der Wüste noch auf der Flucht vor seinen Dämonen. Für Cassandre (Adèle Exarchopoulos) aus «Rien à foutre» ist Reisen weder Genuss noch Bereicherung; ihre Arbeit bei einer Billigairline bewahrt sie einzig davor, nach Hause zurückzukehren. Und in «Stranger Than Paradise» strandet Willie (John Lurie) fernab seiner Heimat…
Programmation: Lucas Forberger
So 07. Juni 2026 • 19:30 Uhr
PARIS, TEXAS
Auf den ersten Blick scheint «Paris, Texas» wie ein klassischer Roadmovie. Autos, die Wüste, die bis an den Horizont reicht und Kakteen am Strassenrand, Motels, Leuchtreklamen in der Abenddämmerung. Der Highway, welcher sich durch diese Landschaften, durch die schiere Weite des amerikanischen Westens zieht, ist eines der Motive, welches wie wenig andere für Freiheit steht.
Travis, der wortkarge Protagonist, welcher in der ersten Szene des Films völlig verstaubt aus der Wüste ins Bild tritt, ist aber kaum ein freiheitsliebender Abenteurer; er ist getrieben, wirkt zerrissen. Nur langsam erfahren wir mehr über sein Schicksal…
Wie Wim Wenders in «Paris, Texas» Geschichte und Charaktere entwickelt, ist wahrlich faszinierend. Ein Film, der einen trotz des gemächlichen Erzähltempos bis zum Schluss nicht loslässt und noch lange nachhallt.
145 Min, ov/dt, digital
Regie: Wim Wenders
So 14. Juni 2026 • 19:30 Uhr
Rien à foutre
Arbeitsbedingt ist Cassandre (Adèle Exarchopoulos) viel in verschiedenen Feriendestinationen in Europa unterwegs; nach Feierabend verbringt sie die meiste Zeit mit Partys in ihrer WG auf Lanzarote, wo die Billigairline stationiert ist, für die sie arbeitet. Nach Belgien, wo ihre Familie lebt, geht sie nur noch selten. Eines Tages überschlagen sich jedoch die Ereignisse und sie wird entlassen. Widerwillig akzeptiert sie ihr Schicksal und stellt sich dem, was sie zuhause hinter sich lassen wollte…
115 Min, ov/dt, digital
Regie: Julie Lecoustre/Emmanuel Marre
So 21. Juni 2026 • 19:30 Uhr
Sirāt
Sonnenaufgang an einem Rave in der marokkanischen Wüste: wer in die müden Gesichter der Feiernden blickt, kann nicht sicher sein, ob sich da die totale Verkennung oder die totale Akzeptanz aller Alltagssorgen spiegelt. Raves bedeuten Ausbruch, einen Gegenpol zur spiessigen Alltagswelt. Die meisten Menschen dort suchen diesen Ausbruch, diese Reise in eine Gegenwelt auch sehr bewusst.
Luis (Sergi López) ist allerdings mehr Reisender wider Willen. Seine Tochter, eine Aussteigerin, ist verschwunden, und er und sein Sohn suchen nach ihr, an Raves immer weiter fernab der Zivilisation. Die Gruppe Raver, welcher er sich anschliesst, ist anders als er: sie sind schon lange auf der Reise; so lange, dass Reisen für sie Normalzustand geworden ist.
«Sirāt» spielt in einer Welt, welche uns mit Fortlauf der Reise weniger und weniger vertraut scheint. Diese Veränderung der Welt lässt sich schwer mit Worten beschreiben. Was bleibt, sind verstörend schöne Landschaftsaufnahmen und der bestechende Ton. Wer den Film gesehen hat, wird den Bass nicht mehr vergessen…
115 Min, ov/dt, digital
Regie: Oliver Laxe
So 28. Juni 2026 • 19:30 Uhr
Stranger Than Paradise
«Stranger Than Paradise» ist filmgewordene Serendipität und gleichzeitig eine Persiflage des amerikanischen Traums: seine Charaktere haben keine Ahnung, wonach sie suchen, und finden dann trotzdem etwas komplett Anderes.
Eva kommt aus Ungarn in die USA, um in New York ein neues Leben zu beginnen, und endet dann als Bedienung in einem Schnellimbiss in Cleveland. Vorerst. Evas Cousin Willie ist schon vor zehn Jahren in die USA ausgewandert und hat es in der Zwischenzeit zu absolut nichts gebracht. Er und sein bester Freund Eddie halten sich mit Betrügereien über Wasser, doch als eine Pokerrunde mit gezinkten Karten aus dem Ruder läuft, entscheiden sie sich, Eva nach Cleveland hinterherzureisen…
Jarmuschs Begeisterung für schräge, merkwürdig liebenswerte Taugenichtse zieht sich durch sein gesamtes Œuvre. Anders als die Charaktere seiner Geschichten weiss er aber ziemlich genau, wo er hinmöchte: dem scheinbar plan- und ziellosen Handeln von Eva, Willie und Eddie folgend, inszeniert er Amerika und seine Verheissungen, den amerikanischen Traum als Fata Morgana: statt Chancen und Wohlstand gibt es bestenfalls einen Aushilfsjob im Imbiss an der Strasse, statt einem Häuschen am Stadtrand ein ungeheiztes Einzimmerapartment im harschen New Yorker Winter. Den drei Überlebenskünstler*innen scheint diese unwirtliche Welt allerdings wenig anzuhaben; unbeirrt gehen sie ihren Weg. Irgendwohin.
89 Min, ov/dt, digital
Regie: Jim Jarmusch