Kino im Wandel
In einer Zeit, in der man nicht so genau weiss, wie es mit dem Kino nach Corona und der Streaming-Revolution weitergehen wird, blickt das Kino Nische zurück auf frühere Versuche, das Filmen an sich und die Industrie drumherum im Wandel einzufangen.
Klingt nach ernster Nabelschau, aber es wird trotzdem noch lustvoll getanzt, gemordet und geliebt.
(Bitte die Covid-19 Hinweise fürs Kino Nische beachten.)
Programmation: Urs Unternährer
So 06. Februar 2022 • 19:30 Uhr
Khook
Hasan ist frustriert. Seit 2 Jahren steht er auf der schwarzen Liste und darf keine Filme mehr drehen. Seine geliebte Hauptdarstellerin läuft zu seinem jüngeren Rivalen über. Die psychedelischen Werbespots für Insektenvernichter, mit denen er sich über Wasser hält, finden nirgends Anklang. Weder bei seiner Frau noch auf Social Media steht er hoch im Kurs, und jetzt geht auch noch ein Serienkiller um, der bekannten Regisseuren die Köpfe abhackt – aber nicht mal der hat es auf Hasan abgesehen. Es braut sich etwas zusammen.
Vor 20 Jahren wurde Haghighi noch von Filmfestivals abgewiesen, weil seine Arbeit «nicht iranisch genug» sei. Heute inszeniert er satirisch und visuell ausufernd eine Filmindustrie, die sich zwar langsam modernisiert, aber immer noch stark von der jeweiligen politischen Stimmung abhängig ist. Dabei mischt er, wie schon in seiner Agenten-Roadmovie-Horror-Mockumentary «A Dragon Arrives» (2016), munter verschiedene Genres im grossen Topf zusammen. «Warum muss das iranische Kino ein Fremdenführer durch unser Land sein?», fragte er an der Berlinale, wo «Khook» seine Weltpremiere feierte. Er finde es ermüdend, dass der Westen immer nur sehen wolle, «wie stark wir unterdrückt werden.»
104 Min, fa/de, digital
Regie: Mani Haghighi
So 13. Februar 2022 • 19:30 Uhr
Singin' In The Rain
Nicht nur ein grandios-romantisches Musical mit einer der bekanntesten Szenen der Filmgeschichte, sondern auch eine bissige Komödie über die Revolution des Tonfilms in den späten 1920ern. Die neue Technik hält viele Tücken bereit, und die Egos der Stars kollidieren mit den Reaktionen der Fans, die ihre Stimmen zum ersten Mal zu hören bekommen.
Don Lockwood (Gene Kelly) schafft es dank seiner Vaudeville Vergangenheit leicht, sich der neuen Realität anzupassen. Sein Co-Star Lina, die vom Studio in den Klatschspalten als seine Freundin verkauft wird, hat es da dank ihrer an Fingernägel auf der Wandtafel erinnernden Stimme wesentlich schwerer. Die aufstrebende Schauspielerin Kathy (eine grossartige 19-jährige Debbie Reynolds), die nicht nur mit Don eine Beziehung anfängt, sondern auch mit ihm das Drehbuch für ihr Traum-Musical schreibt, wird dazu erkoren Lina’s Stimme zu ersetzen. Das Drama ist perfekt.
Der Film versprüht Spiel- und Lebensfreude und verbindet feine Ironie, technische Perfektion, einfallsreiche Choreographie und einen guten Schuss romantische Nostalgie zu einem harmonischen Gesamtpaket.
103 Min, en/de, digital
Regie: Stanley Donen / Gene Kelly
So 20. Februar 2022 • 19:30 Uhr
Once Upon a Time in Hollywood
Ein abgehalfterter Westernheld und sein Stuntdouble versuchen sich in einem Los Angeles zurechtzufinden, das unaufhaltsam auf das Ende der 1960er und des alten Studiosystems zusteuert.
Tarantinos Momentaufnahme seiner Heimatstadt während seiner Kindheit bietet ein ausuferndes Porträt der sich vom alten Studiosystem lösenden Filmindustrie, der Gesellschaft, und vor allem der Stimmung im vor-Charles Manson Los Angeles der späten 1960er. Bruce Lee Lee, Sharon Tate, Steve Mcqueen und mehr tummeln sich mit fiktiven Charakteren. Dazu gibts seinen besten Soundtrack seit «Pulp Fiction», eine der sympathischsten Hunde-Performances seit langem, und eine kleine Prise «Was wäre, wenn?».
161 Min, en/de, digital
Regie: Quentin Tarantino
So 27. Februar 2022 • 19:30 Uhr
Boogie Nights
Paul Thomas Anderson folgt den Mitgliedern einer kleinen Porno-Produktionsfirma Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Dabei zieht er Parallelen vom Wechsel des ambitiösen Autorenkinos zur VHS-Massenproduktion.
Jack Horner (Burt Reynolds), hat einen simplen Traum: Einen Porno zu drehen der als richtiger Film funktioniert, und das Publikum mit seiner Geschichte im Saal festhält. Der bunte Haufen an Charakterdarstellern (allen voran Julianne Moore) die er in seinem Haus als Ersatzfamilie um sich schart, hat allesamt auch einfach gestrickte Träume. Ein bisschen Berühmtheit und Geld, eine eigene Identität, gesellschaftliche Akzeptanz. Als der junge Dirk Diggler (ex-Unterwäschemodel Mark Wahlberg, bewaffnet mit einer elefantösen Penis-Prothese) dazustösst und in Kürze zum Topstar der Branche avanciert, scheint die Zukunft rosig.
Anderson etablierte sich mit diesem Film als grösstes Jungtalent der 1990er neben Tarantino, wobei sein Stil sich mehr an Scorsese’s Mafia-Schinken anlehnt. Seine Kamera schlängelt sich in langen Steadycam-Fahrten wie ein nervöser Neuankömmling durch Partyszenen, verweilt mal da und dort, taucht zur Erfrischung auch gern mal in den Pool.
155 Min, en/de, 35mm
Regie: Paul Thomas Anderson